Das ökumenische Morgengebet - am 4. Dezember zum letzten Mal!

a4f4a031-e4e3-41a7-b2ea-c3a246e4f2e2 (Foto: Monika Widmer)
Um elf war Schluss, dann wurde gekocht

37 Jahre lang trafen sich Reformierte und Katholische auf dem Bruderholz zum Ökumenischen Morgengebet - es ist in der Zeit nie ausgefallen! Am 4. Dezember ist das letzte Mal. Ein Gespräch mit Heidi Fischer, Doris Kuhn und Katrin Schulze.
Dass das Ökumenische Morgengebet um elf Uhr zu Ende war, lag an der Küche. Die Köchinnen des Titus-Mittagsclub mussten anfangen zu kochen. Sonst, sagt Heidi Fischer, wäre man bis zwölf sitzen geblieben, so gut lief das Gespräch. Manchmal musste man es abklemmen.

Angefangen hat alles 1989 in Basel. Rund 700 Delegierte der europäischen Kirchen trafen sich zur ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung», dem grössten konfessionsübergreifenden Treffen Europas seit der Glaubensspaltung. Heidi Fischer, damals Diakonin an der Tituskirche, schaute in die Runde und dachte an zu Hause: Auf dem Bruderholz wohnen Reformierte und Katholische Tür an Tür, getrennt durch einen Gartenhag, und man grüsst sich. Das sollte weitergehen als ein Gruss. Noch im selben Jahr gründete sie die ökumenische Arbeitsgruppe, mit Liturgie, Kaffeepause und Bibelgespräch. «Das ist wichtig», sagt sie über die Kaffeepause und meint es ernst.

Einmal im Monat traf man abwechselnd in der Dorothea Kapelle und der Tituskirche. Er ist späteren Jahren nur noch in der Dorotheakapelle: Die Feier bestand aus Psalm im Wechsel, Bibeltext am Stück, Stille, gesungen wurde, solange genug Sänger und Sängerinnen da waren. Hopkinson Smith begleitete auf der Laute, nicht von Anfang an, aber aus eigenem Antrieb: Er hatte sich selbst angeboten und seine Musik wurde sehr geschätzt. Ein Teilnehmer zog nach Genf und kam trotzdem jeden Monat zurück. Anfangs sassen über 20 Personen da, zuletzt vier.
Die Themen kamen aus der Gruppe: Seligpreisungen, Gleichnisse, Psalmen, später Propheten, Weisheitsliteratur und Engel. Ab 2008 trug Doris Kuhn das Morgengebet weiter, seit 2022 unterstützt von Katrin Schulze von OFFLine, die bewusst nur am Rand dabei war. Theologie sollte nicht das Gespräch führen, die Leute sollten selbst reden. Das taten sie auch, nach der Konfession wurde nie gefragt. «Das ist gemischt, und das fragt man nicht», sagt Doris Kuhn.

Heidi Fischer erinnert sich, dass sie anfangs im Matthäusevangelium 5 die Seitenzahl ansagen musste, damit alle die Bibel aufschlagen konnten: Seite 329. Am Schluss brauchte es das nicht mehr. Katrin Schulze erklärt es mit der Geschichte: Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat die katholischen Gläubigen ermutigt, selbst in der Bibel zu lesen, und das hat Jahrzehnte gebraucht.
Was bleibt? Doris Kuhn: «Schön war es für mich immer, wenn die Antwort auf den Text gekommen ist. Wenn jeder gesagt hat, was er wirklich denkt.» Das, sagt Heidi Fischer, braucht Vertrauen.

Dass nun Schluss ist, hat einfache Gründe: Alter, Krankheit, und niemand kommt nach. «Mir wird es fehlen», sagt Doris Kuhn. Katrin Schulze denkt an das Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, und an den Freiraum für Neues, der dabei entsteht. Und Doris Kuhn hofft, dass der Gedanke der Ökumene in anderer Form weiterlebt.

Das letzte Morgengebet findet am Freitag, 4. Dezember um 09:30 Uhr in der Dorothea Kapelle statt. Heidi Fischer bittet, an diesem Morgen auch an alle zu denken, die dabei waren und nicht mehr unter uns sind.

Warum Katrin Schulze die beiden «Urmütter der Ökumene auf dem Bruderholz» nennt und wie die Stille aus Taizé ins Morgengebet kam, erzählen sie im ausführlichen Gespräch. Sie finden es auf der Homepage von Heiliggeist: heiliggeist.ch/news.