Gespräche mit einem Gast: Nina Gamsachurdia

3. Gespräch mit einem Gast: Nina Gamsachurdia, Ikonenspezialistin, Kunstwissenschaftlerin, Spezialistin und Lehrerin für byzantinische Maltechniken

11. September 2018, Titus Kirche

Wie führt man ein Gespräch über eine Materie, die den Anwesenden weitgehend fremd ist, so, dass sich Gesprächsgegenstand und Zuhörende am Schluss des Abends annähern?

Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Monika Widmer für ihren Gast einige Fragen vorbereitet.

Eine erste Einheit führte uns über die Entwicklungsschritte der Künstlerin zu dem Schnittpunkt von Religion, Kirche und Kunst und damit zu dem uralten Kunsthandwerk der Ikonenmalerei: gemalt wird auf Holztafeln, die auf bestimmte Art grundiert werden, Steine werden zu Pulver vermalen, die Pulver der buchstäblich steinalten Edelsteine werden durch Mischung mit verschiedenen Substanzen zu leuchtenden Farben, die in vielen Schichten und mit grosser Sorgfalt und Ruhe aufgetragen werden. Leinöl, vermischt mit Myrrhe und verschiedenen Harzen bildet dann den Firnis, der dem Werk ein langes Leben gibt, seine alte Technik „zukunftstauglich“ macht.

Was aber kann uns diese Kunst mit ihrem uns weitgehend unbekannten Hintergrund in unserer westlich-säkularen Umgebung sagen? Unsere Kirche ist nicht gerade entwicklungsfreudig, weiss auch oft nur mehr wenig über ihre Wurzeln. Und doch suchen wir Antworten auf die Fragen unserer Zeit – können wir in einer so alten Kunst eine Art „Essenz“ für uns Heutige erkennen?

Nina Gamsachurdias Antwort holt weit aus:

Die Öffnung von Altem zu Heutigem ist ein heikler Bereich; in der orthodoxen Kirche kann man dafür angefeindet werden. Dass Kunst mit Religion zu tun hat, liegt zwar auf der Hand (man betrachte die Anfänge der Malerei in der christlichen Kunst), ist aber nicht jedermann klar. Das Schöpfen aus den alten Wurzeln verweist auf eine Einheit von Körper und Geist, von der man früher noch wusste. Der Umgang mit den edlen Materialien, die Kenntnis der alten Techniken wurden mit den religiösen Inhalten zusammengebracht.

Als eines der grossen Probleme unserer Zeit bezeichnet sie die extreme Spaltung von Körper und Geist, und sie fordert die Theologie auf, einen Beitrag zur Überwindung dieser Spaltung zu leisten, wie es mittelalterliche Mystiker taten. Deutlich wird dies etwa im Zitat des Dichters und Philosophen Jakob Böhme (1575 – 1624): „Nichts Geistiges ohne Leibliches“.

Mit dem Geistigen, dem Pneuma, dem Chi haben sich die Religionen durch alle Zeiten befasst, von Konfuzius bis zu den Mystikern aller Zeiten. Heute könne, müsse man von einer eigentlichen Pneumopathologie (F.W.J. Schelling), dem Verlust des Geistigen und den daraus folgenden Verfallserscheinungen sprechen.

Nina Gamsachurdia hat eines ihrer Kunstwerke mitgebracht – einen grossen Kopf, der Materie und Geist zusammendenkt: ihr Kunst-Handwerk in „chinesisch – byzantinischer  Technik“ hat (zusammen mit einem Skulpturenkünstler) diesen Kopf geschaffen. Der Inhalt ist ein christlicher: Vater und Sohn – die Profile auf je einer Seite; inwendig ist – nichts – oder der Raum des Heiligen Geistes, der Sophia des frühen Christentums (alle grossen Kirchen waren der Sophia, der göttlichen Weisheit, geweiht).

Auf die Frage eines Besuchers, was das Wesen religiöser Kunst ausmache, unterscheidet sie nicht zwischen christlicher und anderer religiöser Kunst: es sei die Lebendigkeit der Materie und die Klarheit der Idee, des Geistes. Diese Ideen seien bei abstrakter Kunst schwierig zu erkennen, Abstraktion  habe viel mit dem jüdischen Bilderverbot zu tun. Erst Chagall habe dieses Gebot durchbrochen, indem er figurativ malte.

Wichtig sei in der religiösen Kunst auch die Haltbarkeit, die sich in den lange geprüften Techniken und den edlen Materialien spiegele:

„Religiöse Kunst ist für die Ewigkeit gedacht“.

OFFLIne – als Ort, Hort, an dem Menschen die Verbindung zum Geistigen erfahren und austauschen können, wo eine Bruder- und Schwesternschaft entstehen und gepflegt werden kann – das ist Nina Gamsachurdias Wunsch für die Bewegung, die sich hier entwickelt.

Georgische Köstlichkeiten, georgischer Wein lassen die Nach – Gesprächs-gespräche fliessen und schaffen Raum und Zeit für das Anschauen der Ikonen und der aufgelegten Texte.

 

 

 

WM, 13.9.2018