Gott suchen in allen Dingen – eine Spurensuche in der Grossstadt

«Jede Zeit ist dazu herausgefordert, ihre eigene Weise der Heiligkeit zu finden.»

Madeleine Delbrêl

 

Ehrlich gesagt war ich etwas irritiert, als Monika am Freitagabend an der Themse urplötzlich aus einem anderen Gespräch heraus einen seltsamen Blick bekam und mich mit dieser Frage konfrontierte: „Was ist Heiligkeit für dich, Katharina?“ Was war denn das bitte für eine Frage? Im gleichen Moment, als ich das dachte, musste ich schmunzeln, weil die Strassenexerzitien offenbar früher losgingen und anders als gedacht: Heiligkeit, ja, was ist das für mich? (KM)

Was bedeutet das, Heiligkeit? Das griechische Wort hagios könnte mit «andersartig» übersetzt werden, das hebräische Wort quadasch mit «abgesondert», beides meint «für Gott». Heiligkeit bezeichnet also etwas, was in Verbindung zu Gott steht, was ex-zentrisch ist, weil das Lebenszentrum auf Gott verlegt wurde… Ignatius von Loyola fordert die geistlich Übenden auf, Gott in allen Dingen zu suchen. Diese Aufforderung haben wir angenommen, und uns auf die Suche gemacht nach Spuren von Dingen, die auf Gott verweisen, in denen eine Heiligkeit liegt, die wir mit Gott in Verbindung bringen können. (MWH)

Heiligkeit, so merkte ich schnell in der Diskussion mit Monika, hatte für mich bisher immer mit etwas Aussergewöhnlichem, Einzigartigem, Andersartigem zu tun, das auf Gott verweist. Mit aussergewöhnlichen Zeiten, Orten oder Menschen. Was aber, wenn Gott, wie Ignatius sagt, wirklich in allen Dingen zu finden ist? Kann es dann so etwas wie eine Heiligkeit des Alltags oder im Alltag geben? (KM)

Ich sitze auf der Treppe eines Strassenübergangs, leicht erhöht. Menschen strömen an mir vorbei, halten Abstand, hasten mit gesenktem Blick die Treppe hinunter und verschwinden um die Ecke im Feierabend. Jene, die in der Gegenrichtung unterwegs sind mustern mich kurz, wenden ihren Blick wieder ab. Mein Lächeln wird selten erwidert. Männer blicken anders als Frauen. Es ist mir nicht wohl da… aber auch nicht unwohl. Ich bin einfach da, betrachte die Menschen, absichtslos, mein Blick ist mehr nach innen gerichtet. (MWH)

Ich sitze auf einer Bank auf einem kleinen Platz vor einem Geschäft mit Frauenkleidung und einer offenen Theke, die herrlich duftendes Essen in grossen Mengen verkauft. Salam, Frieden, heisst es im Lied, das ohne Unterbruch hinter der Theke läuft. Die Sonne scheint warm auf mich. Die Menschen, die vorbeiziehen, viele Mütter mit ihren Kindern, kommen nicht zu nahe. Ich fühle mich nicht wohl da… fremd, wie ein Eindringling. Aber auch nicht unwohl. Ich gebe mir Mühe, einfach da zu sein, den Blick nicht haften und die Menschen vorbeiziehen zu lassen… (KM)

Auf einmal entdecke ich, dass unter den Passanten die Frauen klar in Überzahl sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf sie. Manche sind versteckt unter Burka und Niqab, viele tragen lange Kleidung und haben den Kopf bedeckt mit dem Tschador, andere sind halb entblösst, mehr Haut als Kleidung. Einige schwer übergewichtig, andere ausgezehrt, einige gepflegt, andere vernachlässigt. Kontrastprogramm. Mir fallen altorientalische Rollsiegel und Figürchen ein, vielfältigste Darstellungen des weiblichen Körpers, Bilder von Göttinnen. Zwei junge Muslimas in pakistanischer Kleidung mit Hidschab sprechen mich an, wollen wissen ob ich eine Autorin sei (ich war gerade daran, etwas in mein Notizheft zu kritzeln). Ich frage sie, was aus ihrer Sicht den weiblichen Körper heilig mache. Sofort und überzeugend kommt ihre Antwort: Seine Schönheit, Anziehungskraft, Mütterlichkeit und Stärke. Ihr Selbstbewusstsein berührt mich… (MWH)

Ein Junkie spricht mich an, ob ich etwas Geld habe. Ich bin froh darüber, weil ich offenbar doch nicht so komisch in der Gegend herumsitze, dass man mich meiden müsste. Dankbar gebe ich im alle Münzen, die ich noch habe. Er freut sich und ich entspanne mich. Mein Blick wird ruhiger: Wie normal die Menschen sind, die vorbeiziehen. So viele Mütter und Väter, die ihre kleinen Kinder an der Hand halten und noch etwas zum Abendessen kaufen möchten. Ob Heiligkeit auch darin liegen kann, dass ganz normale Menschen unter ihren Umständen einfach das Beste machen möchten und kurz vor Feierabend einkaufen gehen, um ihre Kinder satt zu kriegen? Wo sonst könnte Heiligkeit zu finden sein, wenn nicht hier? (KM)

Ich entdecke ein Liebespaar, eng umschlungen, langsamer als die anderen Menschen, manche eilen fast in sie hinein. Zwischen zwei Häusern bricht Sonnenlicht auf den Strassenabschnitt. Das Paar bleibt für ein paar Minuten stehen um sich in der Umarmung vom Sonnenlicht wärmen zu lassen. Mein Blick ruht auf ihnen. Ich bin tief berührt. Ein heiliger Moment? Als sie näher auf mich zukommen, lächle ich ihnen zu. Sie lächeln freundlich zurück und sprechen mich an, wollen wissen, warum ich hier sitze. Sie haben eine andere Aufmerksamkeit. Wir sprechen über Heiligkeit und Frauenkörper und darüber was uns Menschen glücklich macht. Liebe, sind sie sich einig. Das kann man nicht kaufen. Ich frage sie: Ist es Gott, der die Liebe schenkt? Sie blicken mich eine Weile an. Stille. Ihre Antwort: Wenn es Gott gibt, ja. (MWH)

Ich schliesse die Augen. Für mich ein riesiger Vertrauensbeweis, wenn ich das im öffentlichen Raum mache. Und ich bin einfach da. Die Musik ist immer noch da: Salam, Salam, singt der Sänger; ich spüre auch immer noch die Wärme der Sonne, höre die lachenden und quengelnden Kinder und die Erwachsene, die sich unterhalten. Aber es geht alles vorüber, nichts drängt sich mehr in den Vordergrund. Und plötzlich ist sie da: Eine leise Ahnung von Salam, von Frieden… (KM)

Ich sitze schon eine Weile da und bemerke, dass die Menschen kleinere Abstände zu mir machen, offenbar habe ich mich mit dem Ort verbunden, wirke nicht mehr wie ein Fremdkörper. Ein Junkie tigert um mich herum, er möchte mich ansprechen, realisiert aber, dass ich ganz bei mir bin. Ich nehme wahr, wie er sich mir immer wieder nähert und weggeht. Seine Rücksicht und Zurückhaltung berühren mich. Ich nehme Augenkontakt mit ihm auf. Sofort setzt er sich zu mir. Im Unterschied zu mir ist er es gewohnt, auf der Strasse zu sitzen. Er ist ganz still, sitzt einfach neben mir. Wir geben wohl ein eigenartiges Bild ab. Nach einer Weile fragt er mich: Are you a holy person? Das bringt mich etwas aus dem Konzept. Nach einer Weile lächle ich ihn an und erzähle ihm, wer ich bin und was ich hier mache. God bless you! Pray for me! Ruft er mir zu und sitzt eine weitere Weile still neben mir, während ich ihn Gott anvertraue. Wieder sind wir lange still. Endlich fasst er sich ein Herz. Hast Du wohl ein paar Pfund für mich? Ich habe noch nicht gegessen. Natürlich gebe ich ihm ein paar Pfund und staune, wen Gott mir so alles vorbei schickt. Fröhlich zieht er davon und ruft mir nochmals einen Dank zu. (MWH)

Irgendwann öffne ich die Augen und staune: Da steht ein Mann direkt neben mir, nur etwa eine gute Armlänge entfernt, und schaut in sich versunken über die Strasse. Überhaupt gehen die Leute jetzt plötzlich sehr nahe an mir vorbei. Ich bin offenbar mit dem Ort verbunden. Plötzlich kommt der Junkie wieder vorbei, setzt sich neben mich und zeigt mir lächelnd die Cola-Büchse, die er mit dem Geld gekauft hat. Sister, woher kommst du, fragt er. Ich aus der Schweiz, er aus Bangladesch, und nein, danke, ich möchte keine Zigarette von ihm rauchen. Ob ich Geld habe, damit er sich auch noch Medikamente kaufen könne. Leider nicht, aber was denn passiert sei? Und er erzählt mir, wie er zusammengeschlagen wurde, mehrfach, ein Schulterbruch, ein Armbruch, ganz heil ist es offenbar immer noch nicht. Dann lächelt er mich an, steht auf und streckt mir die Hand entgegen: Good bye, sister! Alles, was ich antworten kann, ist: Good bye, brother, god bless you! Dann ist er schon wieder weg. (KM)

 

Katharina Merian und Monika Widmer Hodel