Gespräche mit einem Gast: Matthias Zehnder

Erstes Gespräch 16. Januar 2018, Titus Kirche

Monika Widmer im Gespräch mit Matthias Zehnder, Publizist und Autor
(„Die  Aufmerksamkeitsfalle“), Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit der ERK BS

Ein Gespräch beginnt mit Annäherungen – Annäherungen persönlicher oder sachbezogener Art, je nach Setting. Am Abend des 16. Januar ging es um beides, denn wenn der Gast Preisträger des Verbandes für Interne Kommunikation, gleichzeitig Autor und Medienverantwortlicher im Raum der Kirche ist, so ist eine persönliche Komponente für die Zuhörenden auch von Interesse.

Matthias Zehnder hat den Bereich der modernen Medien erforscht und durchforstet – er weiss, wo die Fallen und wo die Chancen dieses Bereiches liegen:

Warum ist es so schwierig, dem medialen Konsum Grenzen zu setzen, warum „muss“ jemand im Durchschnitt alle 3 Sekunden aufs Handy schauen? Erreichbarkeit verleiht Bedeutung , „brain candies“ sind Gummibärchen, von denen man immer nochmal eines nehmen muss, obwohl sie keinerlei Nährwert haben – unser Hirn reagiert schnell, es gibt eine Art von Belohnung, die aber nicht anhält; Brot und Gurke machen satt, sie verhalten sich zu den Gummibärchen der brain candies wie Tolstoi zu Twitter.

Wie lässt sich damit um- gehen, ohne die positiven und hilfreichen Seiten der neuen Medien und ihrer Techniken zu um-gehen? „Die gute alte Bildung“ nennt Zehnder als ein hilfreiches Mittel: es braucht, genau wie im konventionellen Bildungsbereich, Andockstellen, ich muss die Dinge, die ich erfahre, einordnen können. Und – ein persönlicher Aspekt – Ferien sind hilfreich, Ferien am Meer oder in den Bergen, Landschaften mit weitem Horizont, und das wohl nicht nur geographisch. Die Zeit zurück zu drängen kann eine Art von Desensibilisierung sein. Ein Beispiel dafür „Weimar 1715“: J. S. Bach spielt im Gottesdienst, jedoch auch er wird ermahnt, sich zu mässigen und nicht „so aufregend zu präludieren“ , (denn die Musik geht den Menschen die sonst kaum geistige Nahrung haben, unter die Haut) – nichts Neues unter der Sonne?

Zehnder zitiert Paracelsus: alles ist eine Frage des Masses. Und so ist es vor allem für Kinder und Jugendliche wichtig, sich nicht vollzustopfen mit bedeutungslosen Inhalten; vor allem wichtig scheint, dass es oft auch Emotionen sind, fremde Emotionen, die da auf quasi wehrlose Jugendliche einstürmen und so keinen Platz mehr lassen für ein Bewusstsein eigener Emotionen. Wer hier nicht achtsam ist, verkümmert und wird sich selber fremd.

Angst vor den noch unauslotbaren Möglichkeiten, den Denkmaschinen, den Pflegerobotern? Der Hinweis auf die drei vorausgegangenen industriellen Revolutionen (Dampfmaschine, Fliessband, Computer) mag helfen, unsere Ängste vor der vierten Revolution, der der Vernetzung aller Abläufe, zu relativieren. Ein Computer, der im Führerstand eines Zuges bzw. in der Zentrale, gleichzeitig alles übersieht, weiss mehr und reagiert adäquater als der Lokführer, der 300  Meter weit sieht und einen Bremsweg von 1 bis 2 Kilometern hat. Ein Pflegeroboter mag einem alten Menschen die Scham des gereinigt und gepflegt Werdens ersparen, ebenso wie ein Bankomat keinerlei Emotionen zeigt, wenn ich mein Konto überziehe.

Maschinen haben uns immer etwas weggenommen. Die Gefahr heute ist, dass nun nicht nur einfache anspruchslose Arbeiten wegfallen, sondern auch die Tätigkeiten, die eine mittlere Ausbildung, eine Lehre erfordern (z.B. Maurer). Wo liegt der Sinn ihres Lebens für diese Menschen ohne Arbeit und ohne gesellschaftlichen Auftrag?

Daraus ergibt sich die Frage: was macht den Menschen zum Menschen? Ist es Gott? Zehnder plädiert eher für das Menschliche: das Schöpferische mache den Menschen aus, das sich kreativ und kritisch mit der Welt auseinander setzen, planen, träumen, aber auch sich das Leiden anderer vorstellen zu können. Lebendige Begegnung sei wichtig, Begegnung in bestimmtem Rahmen: Menschen kommen in kleinen Gruppen in einen Gottesdienst, aber auch alle Staatsoberhäupter kommen jetzt wieder ans WEF nach Davos– weil sie sich begegnen wollen (so mindestens die Vermutung), auch wenn wir nicht unbedingt alle gern hier sehen.

Aus der grossen weiten Welt kommt das Gespräch zum Schluss wieder in die Stille und zur Idee von OFFLINE:

Es gab vor 500 Jahren einmal einen, der hat seine Gedanken an eine Kirchentür gepostet. Genau so ist es heute wichtig, das zu tun, was man für richtig hält – nicht zu warten bis die Leute kommen, sondern zu ihnen zu gehen, sie einzuladen, beispielsweise in einen Raum der Stille. Dazu braucht es auch eine Hülle aus Information, die diesen Raum beschreibt, damit er von den Leuten gefunden wird.

So gibt Matthias Zehnder OFFLINE drei Gedanken mit:

Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es (Erich Kästner)
Nicht nur die, die etwas Ungutes tun, sind schuld, sondern auch die, die es nicht verhindern (Erich Kästner)

Neben dem Informationsrauschen andere Räume eröffnen, Gelegenheiten schaffen, die nicht schon an den Leuten zerren, weil sie etwas erfüllen sollten, sondern z.B. einfach Gebetszettel irgendwo hinlegen – zum Gebrauch oder auch zum liegen lassen für die Nächsten auf der Kirchenbank.

Und für Jugendliche: mit ihnen den Weg aus der Gummibärliwelt zu Brot und Gurke finden.

Für die zahlreich erschienen Zuhörenden und Mitdiskutierenden gab es im Anschluss den kurzen Weg zum liebevoll gestalteten Apérotisch und zu manchem längeren Gespräch.

 

Zum Nachhören:

 

WM, 17.1.2018