OFFLINE: «Stille braucht Mut»

Bevor es losging, gab es ein Problem: Viel zuwenig Stühle waren bereitgestellt worden für die Gäste. Ein lösbares Problem, und eines, das ein zusätzliches Lachen auf die Gesichter der beiden OFFLINE-Leiterinnnen Anne Lauer und Monika Widmer zauberte. Die Werbetrommel war nur leise geschlagen worden, und das Ergebnis dafür in fünf Worten auszudrücken: Dieses.Zentrum.ist.ein.Bedürfnis.

Unmittelbar vor der Eröffnung haben Anne Lauer und Monika Widmer kαthΩlisch bl.bs erzählt, was ihnen bei OFFLLINE wichtig ist.

katholisch bl.bs: Monika Widmer, wie kam es zu OFFLINE?

Monika Widmer: Schon vor 4 Jahren, als ich hierher kam, stand die Vision im Raum, die Titus-Kirche auch als Raum der Stille zu nutzen, und schon bald habe ich zusammen mit Anne Lauer ökumenische Exerzitien angeboten. 2015 kamen dann wie ein Blitz aus hellheiterem Himmel die “Perspektiven 2025” des reformierten Kirchenrates, der uns nahelegte, die Titus-Kirche oder das Zwinglihaus zu schliessen.

Unser Kirchenvorstand nutzte das für einen Prozess, etwas Neues zu schaffen, weil immer nur Dinge zu reduzieren und immer weniger zu machen, das ist entmutigend. Bald kam da die alte Vision eines ökumenischen Zentrums der Stille wieder hoch, und wir haben realisiert: diese thematische Konzentration auf eine ökumenische Spiritualität der Stille und der Meditation ist eine Chance, als Gemeinde anders zu wachsen.

Also haben wir mit der Pfarrei Heiliggeist die Fäden gesponnen, wie das konkret aussehen könnte. Und dann hatten wir das grosse Glück, dass eine Stifter-Familie die finanziellen Möglichkeiten schufen, den Plan zu realisieren.

Anne Lauer, sollte die Kirche nicht lebendiger sein statt stiller?

Anne Lauer: Aus dem Schweigen, aus der Konfrontation mit den inneren Stimmen, da entsteht gerade viel Lebendiges. In den Exerzitien, die wir anbieten, nimmt die Stille einen grossen Raum ein. Wenn wir uns dann in der Runde austauschen, was wir in der Stille erlebt haben, dann hat das ebenfalls mit Stille zu tun: Anderen wirklich zuhören und wahrnehmen, was sie beschäftigt. Da ist Stille erfahrbar, die mehr ist als einfach Abwesenheit von Geräuschen, daraus erwächst eine grosse Kraft für die Menschen. Etwas von dieser Kraft können sie dann in ihren Alltag mitnehmen.

Abgesehen davon ist das Thema der Stille auch in der Gesellschaft angekommen: Wo ich auch hinschaue, sehe ich Zentren und Räume, wo es um die Stille geht.

Sie haben vorher die Angst vor dem Weniger in der Kirche erwähnt. Ihr macht jetzt das Weniger zum Programm.

Monika Widmer: Ja, die Reduktion auf das Wesentliche ist ein wichtiger Anteil von dem, was wir möchten. Wenn wir immer nur auf das schauen, was wegfällt, dann kommen wir in eine Spirale der Angst. Wenn wir uns aber stattdessen fragen, was wir im Kern brauchen und das dann wirklich pflegen und aufblühen lassen, dann fällt es leichter, sich von Anderem zu verabschieden, hier zum Beispiel von wöchentlichen Gottesdiensten in der Tituskirche.

Anne Lauer: Ich glaube, es war auch wichtig gewesen, dass wir nicht einfach mit einer theoretischen Idee angefangen haben. Es gibt ja schon seit längerem Angebote, und die werden auch genutzt. So konnten die Menschen sehen, worauf das Ganze hinauslaufen würde. wenn das Vergangene durch die Stille ersetzt werden wird.

Stille braucht Mut, auch und gerade in der Kirche, in der viel zu oft viel zu viel geredet wird. Wie erleben Sie das?

Monika Widmer: An den Meditationsabenden in der Kirche kommen jeweils gegen zwei Dutzend Menschen zusammen. Wir geben zum Beispiel einen einzelnen Bibelvers ein, und die Menschen lassen sich davon in zwanzig Minuten Stile bewegen. Es ist immer intensiv und eindrücklich, wenn Einzelne danach davon erzählen, was sie in dieser Stille alles erlebt haben.

In der Reduktion auf das Wesentliche erhalte ich eine ganz neue Wahrnehmung. Wenn ich hingegen von Wortschwallen zugemüllt werde, kann ich das Wesentliche gar nicht finden.

Anne Lauer: Dazu kommt die Ebene der Gemeinschaft. Man schweigt ja nicht alleine, sondern gemeinsam mit Anderen, das hat eine besondere Qualität. Und wir lassen die Menschen in der Stille nicht alleine. Stille kann bedrückend sein, deshalb leiten wir sie an und begleiten sie durch ihre Stille-Erfahrungen. Dadurch können sie bei dem bleiben, was sich bei ihnen meldet. Wenn sie das am Schluss in der Gemeinschaft teilen, braucht das auch Mut, aber es lohnt sich, weil das einander verbindet. Und das macht ja Gemeinde aus.

 Das Interview führte Thierry Moosbrugger